Titel: Die Zimtläden
Autor: Bruno Schulz
Verlag: Carl Hanser Verlag
Umfang: 232 Seiten
ISBN: 978-3-446-23003-3
Preis: 21,50 Euro
Zum Inhalt:
August
Wir befinden uns in einer kleinen Stadt, durch deren enge, schattige Gassen es sich leicht wandeln lässt. Es ist mitten im Hochsommer, die zornige Hitze des helioischen Gestrirns flirrt über den Häuserdächern und auf Wiesen und Feldern gedeihen Pflanzen, die von einem überhitzten Geist verzerr, unheimliche Formen angenommen haben.
Weitab dieser farbigen Blütenpracht begegnet man der verrückten Tluja, die auf ihrem Gerümpelberg, zwischen zerstörten Ramsch hockend, wilde jammernde Laute von sich gibt.
Unweigerlich zieht es dem Betrachter weg von diesem Bild des elenden Wahnsinns, in das Haus der Tante Agata, über dem ein brünstiger Ton der Libido schwebt – eingefangen von Trägheit.
Die Heimsuchung
Eine Krankheit hat dem Vater befallen. Sein Geist scheint sich in ferne Gefilde zu verflüchtigen, während sein Körper immer mehr verfällt, welckt, wie ein Pflanze, deren Wurzeln faulig sind. Am Anfang ist der Schrecken über sein Dahinsiechen groß. Doch mit Zeit vergeht der Schmerz der Familie, scheint sich doch der Vater geistig ganz von ihnen gelöst zu haben.
Die Vögel
Durch seltsame Phantastereien einen Wahn verfalle, beginnt der Vater den Boden des Hauses zu einem Bauer umzugestalten, in dem er die exotischsten Vögel zu züchten beginnt. Und je mehr er sich um die gefiederten Gesellen bemüht, desto ähnlicher wir sein Gebaren diesen. Eines Tages jedoch, betritt das Stubenmädchen Adela den Raum, um den schnatternden und bunten Zauber auszutreiben.
Die Schneiderpuppe
Vor zwei Näherin, die im Hause weilen, hält der Vater eine mystisch-philosopische Rede. Tagelang bringt er mit diesem Traktat zu, beginnt immer wieder aufs neue damit und nur Adela – als einzige Macht über des Vaters Anwandlungen – stoppt seinen Wortfluss.
Nimrod
Ein kleines Hündchen landet unversehens im Haus der Familie. Mit seiner tollpatschigen Art und treuer Anhänglichkeit nimmt es den Sohn ganz für sich ein. Jeder seiner tapsigen Schritte wird mit größer Wonne beobachtet.
Pan
Nachdem sie in den Zaun, der eine finstere Gasse enden ließ, eine Lücke schlagen, landen sie in einem verwilderten Garten voll der roh-leuchtenden Pracht der Natur. In Mitten dieses verwucherten Domizils hockt starrend ein alter Landstreicher.
Herr Karol
Das Eheweib des Onkel Karol weilt zusammen mit dem Kind an einem anderen Ort, um sich zu erholen. Während dessen betrügt Karol sie mit anderen Frauen. Seine Seele verkraftet diesen frevlerischen Akt nicht; und ein graue Decke der Schuld legt sich über den Ehebrecher.
Die Zimtläden
An einem Winterabend begibt sich die Familie ins Theater. Doch der Vater hat die Brieftasche vergessen, so das man den Sohn losschicken muss, um sie zu hohlen. Im Dunkel der Nacht hat sich die Stadt jedoch plötzlich verändert. Sie scheint wie ausgestorben und nur in einigen Fenster berüchtigter Läden brennt noch Licht. Angetan von diesem Anblickt, vergisst der Sohn das aufgetragene Tun. Auf seinen erstaunten Weg durch die nächtliche Stadt begegnet ihm ein Droschkenkutscher und lädt ihn zu einer Fahr des Staunens ein.
Die Krokodilstraße
Auf einer Karte der Stadt ist ein Vierte nur mäßig bezeichnet. Es ist der Bereich um die Krokodilstraße herum. In ihm tummelt sich der städtische Abschaum, hinter den Fassaden seiner leuchtenden Häuser lauert brüchige Unvollkommenheit. Unbeständig ist hier das Leben, von fixen Ideen, die begonnen, jedoch nie zu einem Ende geführt werden. Lasterhafte Rituale finden hier statt – schal und ohne Gefühl. Oder ist diese Vierte gar nur ein Traum aus Papier; ein Traum jedes Individuums in der Stadt, hervorgerufen durch deren gespaltene Seelen zwischen Licht und Dunkelheit?
Die Kakerlaken
In den letzten Zügen seines Irrsinns ist der Vater verschwunden. Keines der Familienmitglieder bekommt ihn mehr zu Gesicht. Verschwunden ist er seit dem Tag, als eine Horde Kakerlaken das Haus überflutete. Die Aversion des Vater den gepanzerten Knacktieren gegenüber, wird bald zur unheiligen Manie, die ihn immer mehr in einen dieser Schädlinge zu verwandeln beginnt, bis er eines Tages verschwunden ist.
Der Sturm
Über der Stadt tobt ein Sturm, der jede Materie, ja selbst die Wirklichkeit an sich zu verschlucken scheint. Viele Menschen suchen nun das Haus der Familie auf und man begibt sich daran, auf das Essen zu richten. Auch Tante Perazja ist beim Vorrichten zu Gange, als plötzlich der gerupfte Hahn, den Adela gerade über den Feuer die letzten Federn abzusengen gedenkt, ein markerschütterndes Krähen ausstößt. Über diesen Vorgang bricht bei Tante Perazja zornige Wut aus, dessen Heftigkeit sie von Minute zu Minute zu verzehren beginnt.
Die Nacht der großen Saison
Durch die Straßen der Stadt strömt eine Woge närrischer Menschen hin zum Tuchgeschäft des Vaters. Sie überschwemmen seine Handelsräume und bringen ihn viel Verdruss. Zornig wirft er sodann die Stoffe auf die Lachenden Menge nieder, wodurch sich eine Landschaft formt. Und plötzlichen gebiert die Vergangenheit dem Vater geliebte Dinge: Über den Himmel der Stofflandschaft flattern die Nachkommen der Vögel, die Adela einst vertrieb. Es sind merkwürdige Geschöpfe, grotesk in ihrem Aussehen. Sie entpuppen sich als hohler Traum, bunt von Außen, jedoch Innen leer.
Drüber geschaut:
Nach der Lektüre von Die Zimtläden erscheint es nicht mehr verwunderlicher, dass der 1892 in Drohobycz geborene Bruno Schulz zu den wichtigsten Vertretern der polnischen Phantastik gezählt werden muss. Die Geschichten dieses Titels sind weniger geprägt von unheimlichen Begebenheiten, als dem Wirken einer hintergründigen Magie der Analogien.
Schon in dem Beitrag August wird der Leser von einer Welle an Eindrücken sprichwörtlich hinfort gerissen. Wie die Führung durch ein Wunderland der Seltsamkeiten mutete es an, berichtet der Autor von üppig Wiesen und Felder die in einer wahren Farbenpracht zu ersticken drohen, oder Menschen, deren wunderliches Aussehen und Gebaren den aktiven Geist Kapriolen schlagen lässt.
In Die Heimsuchung dagegen, wird ein grauer Verfall spürbar, der die narrative Umgebung erfasst und von der Figur des Vater in all seinen düsteren Abstufungen an den Leser herangetragen wird.
In Die Vögel hingegen, ist ein Aufbegehren gegen diese Tristes zu spüren – mit scheinbaren Erfolg, bis die Realität, in Form des Stubenmädchen Adela, sie zu den ewig stumpfen Farben des allseits Bekannten gerinnen lässt.
Die Schneiderpuppe und seine drei fortlaufenden Teile vom Traktat der Schneiderpuppe, wirken durch ihren delpisch-philosophischen Ton wie die Schaffung einer fremdartigen Welt, zwischen der eine fiebrige Lüsternheit blitzt, die auch in fast allen anderen Geschichten dieses Bandes zu finden ist.
Die Schilderungen in Nimrod, von einem kleinen Hund wirken unwillkürlich wie ein Flashback auf vergangen Kindertage, auf die Zeit des unschuldigen Staunens und der Ausgelassenheit des Nichtwissens von den gierigen Dingen der Welt; was eine melancholische Trauer im Leser zur Folge haben dürfte.
In Pan begegnen man wieder der überschwänglichen Farbenpracht aus August, die jedoch eine anzüglich-lächerliche Note erhält, wird je die Figur eines abgerissenen Landstreicher ins Spiel gebracht.
Die Gier nach der Lust, der Reiz der verbotenen Liebe kommt in Herr Karol zur Thematisierung. Doch einher mit diesem sträflichen Verlagen, geht auch der Niedergang der Seele des Herrn Karol, die vor Schuldigkeit zu ersticken droht und sich deshalb versucht, mit gleichgültiger Leer zu fühlen. Eine Leer, die den Protagonisten schmerzt und in diesem Beitrag mit starker Intensität wiedergegeben wird.
Die Zimtläden ist die Reise durch eine kalte Nacht voller funkelnder Wunder, die der Autor mit der selben grellen Verchnörkeltheit aus Die Vögel oder August wiedergibt; und zauberisch auf die Phantasie diese Lesers wirken lässt
Der Wunsch nach unerfüllten Laster scheint in Die Krokodilstraße zur Disposition zu stehen. Es geht um die Sinnesfreuden, die sich nur wenige Menschen erfüllen wollen, da ihre normalbürgerlich Umgebung es verhindert und es kommt einen grausamen Scherz gleich, dass selbst dieser Wunsch nur der Hauch einer Ahnung zu sein scheint.
In Die Kakerlaken wird der endgültige Verfall des Vaters geschildert. Nachdem Kakerlaken in das Haus eingedrungen sind, verwandelt sich der Vater von mal zu mal selbst in eines dieser Schädling, bis er eines Tages verschwunden ist. Es ist der wohl unheimlichste Beitrag des Bandes, in dem die Wandlung eines Menschen zum Tier so eindringlich geschildert wird, dass ein Gefühl des Schauderns nur schwer unterdrückt werden kann.
Die Stadt ist in Der Sturm einen Unwetter ausgeliefert, das alles um sich herum verschluckt. In dieser Zeit finden sich die Menschen bei der Familie des Vater zusammen. Eine wahre Weltuntergangsstimmung herrscht zu Anfang in dieser Geschichte, wird jedoch durch die Begebenheit des Wutausbruchs der Tante Perazja zu einem düsteren Abbild der Lächerlichkeit verschmolzen und wirkt verwirrend, gleichzeitig jedoch mit einem verstohlenen Unterton der Bedeutsamkeit auf den Leser.
Das Wiederaufkeimen farbenprächtiger Phantasie, die sich jedoch als hohl erweist, wird in Die Nacht der großen Saison zelebriert. Durch die dichten Wolken des Regens fällt eine heller Strahl Sonne, der allzu schnell wieder verdeckt wird. Überwältigend ist dieses hier beschriebene Wechselspiel. Es erfüllt die Sinne und lässt nicht mehr los.
Für Bruno Schulz ist nicht das Wort der Schatten der Wirklichkeit, sonder umgekehrt. Die richtigen Worte, also die Wirklichkeit, für sein Buch Die Zimtläden zu finden, ist schwierig, fast unmöglich – ebenso wie es unmöglich ist, die Wirklichkeit in all ihren Facetten zu beschreiben.
Mit diesem Buch hält der geneigte Leser ein wahrhaftiges Universum an Farben und Lauten in der Hand, dessen Existenz mit normalen Sinnen kaum zu verarbeiten ist. Zwischen den Seiten tobt ein bunter Sturm an Metaphern, Phantasien und verkapselter Sexualität, die an die Wirklichkeit erinnern, ihr ähnlich sind, und doch nicht ihrer Materie angehören. Das der jüdischstämmige Autor 1942 von einem Mann der Gestapo kurz vor seiner Flucht aus dem Drohobyczer Ghetto erschossen wurde, gibt seinen Andenken eine noch traurigere Note und lässt nur wage Vorstellungen zu, was Schulz literarisch noch hätte vollbringen können, wäre er nicht dem Braunen Unheil anheim gefallen.
Die Zimtläden zu lesen bedeute, sich in einen Orkan der Eindrücke zu stürzen; hilflos und gefangen treibend zwischen seinen wirbelnden Wänden, aus denen es keinen Entkommen gibt – aus denen man auch gar nicht entkommen möchte!
Fazit:
Der geneigte Horror-Fan, der es gern deftig mag, wird mit Die Zimtläden seine Erwartungen kaum erfüllt sehen. Vielmehr ist diese Buch für Träumer geschrieben worden, die es lieben im Meer der Apperzeptionen ein Bad zu nehmen. Zwischen den Seiten dieses Bandes ruht ein Essenzsplitter der reinen Phantasie!
Bildquelle: Carl Hanser Verlag Pressearchiv